Spirituality and Justice
Über viele Jahre gab es eine intensive Zusammenarbeit zwischen der Sozialen Gerichtshilfe und den Vereinten Nationen in Wien, besonders mit dem United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). UNO-Beamte arbeiteten bei der SGH mit und unterstützten deren Projekte. Mit der Pensionierung mehrerer Protagonisten aufseiten der UNO reduzierte sich diese Zusammenarbeit auf gelegentliche Kontakte.
Aus der Zeit enger Zusammenarbeit stammt auch die vorliegende Publikation. Der Zusammenhang zwischen Religion und Strafvollzugsverwaltung war für den großen UNO-Kongress in Tokio 2020 als ein Thema geplant. Auch sollte es dort eine große Ausstellung mit Werken von inhaftierten Künstlern geben, die bei den Kunstbewerben der SGH mitgemacht hatten. Auch diese Publikation sollte dort präsentiert und diskutiert werden. Corona hat dies letztlich verunmöglicht.
Für dieses Projekt „Spirituality and Justice“ waren Gefangene eingeladen, aus ihrer je eigenen religiösen Tradition einen Wert darzustellen, der für alle Menschen von Bedeutung ist. Die Broschüre zeigt eine Auswahl aus den insgesamt 211 Beiträgen aus Österreich. Ein Beitrag kam aus Lettland.
150 Jahre Soziale Gerichtshilfe
Im Jahre 2015 fand eine feierliche Zeremonie im Festsaal des Bundesministeriums für Justiz (BMJ) aus Anlass des 150jährigen Bestehens der Sozialen Gerichtshilfe statt. Die Soziale Gerichtshilfe verdankt ihre Gründung dem Wiener Staatsanwalt Georg Lienbacher im Jahre 1865. Dr. Lienbacher war der Überzeugung, dass es nicht genüge, Menschen wegen einer Straftat einzusperren, sondern dass die Gesellschaft jede Mühe unternehmen solle, diesen Menschen eine Rückkehr in ein „normales Leben“ zu erleichtern. Im Laufe dieser vielen Jahre hat die SGH einige Mal ihren Namen geändert und auch ihre Ziele den Herausforderungen der Zeit angepasst. Der Band enthält Beiträge zu diesem Thema vonseiten des damaligen Justizministers Dr. Brandstetter, des Präsidenten der SGH Leit. StA im BMJ i.R. Dr. Wilhelm Klocker, vieler hochgestellter Persönlichkeiten aus Justiz und Gesellschaft, sowie Erfahrungsberichte ehrenamtlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Diese leisten die eigentliche Arbeit „an der Front“ und sind das eigentliche und wichtigste „Kapital“ des Vereins.
Extremismus im Lichte islamischer Mystik
Die Soziale Gerichtshilfe hat eine schon mehr als 15 Jahre dauernde Tradition, auch Insassen zu begleiten, die wegen eines extremistisch motivierten Delikts, vornehmlich islamistisch orientiert, in Haft sind. Auch gut zehn Jugendliche dieser Gesinnung, Burschen und Mädchen, wurden nach der Haft intensiv, manchmal über Jahre, von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen begleitet. Ein einziger Bursch wurde, wegen eines vergleichsweise harmlosen Delikts, rückfällig und verbrachte wieder einige Wochen in Haft. Alle anderen sind bis heute straffrei. Die SGH hat sie bei der Berufsausbildung und bei der Jobfindung unterstützt.
Große Religionen, langexistierende zumal, tendieren dazu, sich in verschiedene Richtungen aufzugliedern; manche dieser Richtungen stehen dann irgendwie einander feindlich gegenüber, und für extremistische Vertreter können leicht alle anderen Glaubensmitglieder als irrend, häretisch, nicht mehr rechtgläubig gelten.
Das Projekt, das hinter dieser Broschüre steht, wurde in der Justizanstalt Josefstadt durchgeführt. Den Insassen wurden Sprüche eines berühmten Muslim, dem persischen Mystiker und Dichter Rumi aus dem 13. Jahrhundert vorgelegt und sie waren eingeladen, sich einen oder mehrere Sprüche auszusuchen und graphisch darzustellen. Zwanzig Insassen die nach § 278 (terroristische Vereinigung) in Haft waren, nahmen teil: 17 mit islamistischem und drei mit neonazistischem Hintergrund (deren Anzahl an Gefangenen ist sehr gering). Es waren Leute mit geringen Strafen bis zu lebenslang Verurteilten. Diese Broschüre zeigt deren Werke.
Hinta Gitta. Urlaub amoi aundas. Haftgedichte
Frauen sind anders. Auch im Gefängnis.
Zuerst einmal: Sie sind nur wenige. Und sie „sitzen“ anders: Ihr Sitz ist ein Schloss im südlichen Niederösterreich, wenn sie „Langstrafige“ sind (d.h. mehr als 18 Monate Haft zu verbüßen haben): Das barocke, ehemalige Jagdschloss in der Schwarzau. 1911 heirateten hier Karl von Österreich und Zita von Bourbon-Parma. Heute verbüßen hier etwa 150 Frauen ihre Haft. In zweckmäßig eingerichteten Hafträumen, nicht in barockem Prunk. Nur der Altar in der Anstaltskapelle ist derselbe, vor dem sich Karl und Zita das Ja-Wort gegeben haben.
Eine von ihnen ist Andrea Popovsky. Sie hat 2020 an einem Kunstprojekt der Sozialen Gerichtshilfe teilgenommen und mit ihrem Gedicht „Zusatzstrafe Corona“ einen ersten Preis gewonnen. So wurde sie entdeckt. In der Folge entstand eine Sammlung ihrer wunderbaren Mundartgedichte, die hier in diesem Bändchen erstmals veröffentlicht wurden. Sie geben Einblick in das Leben „Hinta Gitta“ und in die Gedankenwelt einer außergewöhnlichen Frau.
Seit September 2021 ist Andrea Popovsky wieder frei. In einer kleinen Wohnung im Norden von Wien baut sie mit ihrem entzückenden Hündchen ihr Leben neu auf. „Hinta Gitta“ will sie sicher nie wieder.
Wie ich dahin kam, wo ich bin
Autobiographische Beiträge aus dem Gefängnis
Herausgeber: Soziale Gerichtshilfe

Dieses Buch gewährt einen Einblick in das Leben und Erleben von Häftlingen in österreichischen Gefängnissen. Es enthält autobiographische Beiträge von Frauen und Männern in Haft, die sich offen mit ihrem Leben auseinandersetzen, nicht selten auch nach den Gründen suchen, die sie in Haft gebracht haben. Die Beiträge, die selbstverständlich anonymisiert sind, wurden einer internationalen Jury vorgelegt, die eine Reihe von Anerkennungspreisen vergeben hat. Manche Texte mussten aufgrund von Überlänge etwas gekürzt werden, sonst wurden die Beiträge aber weitestgehend so belassen, wie sie eingelangt sind, auch in sprachlicher und grammatikalischer Hinsicht. Das Buch besticht deshalb durch seine sehr authentischen Texte, die tiefen Einblick gewähren in das Leben ihrer Verfasser/innen.

