Prof. Mag. Leopold Ruf
Mitarbeiter der Sozialen Gerichtshilfe
Vor ca. 25 Jahren übernahm ich im Rahmen der Sozialen Gerichtshilfe Herrn A. in der Justizanstalt Stockerau zur Betreuung. Da er als schwieriger Klient galt, hatte ich niedrige Erwartungen. Selbst die wurden noch „übertroffen“, da er beim ersten Gespräch keine zwei Sätze sagte und nur zu Boden starrte. Ich sprach mit unserem damaligen Supervisionsleiter Herrn Prof. Federn, der mir aus der schwierigen Kindheit (Heimaufenthalte) des Klienten erzählte. Über viele Jahre und mit großer Geduld entstand schließlich ein Vertrauensverhältnis. Dieses hat sogar größte Herausforderungen (einen schweren Rückfall) überstanden. Heute lebt mein Klient in einem betreuten Wohnheim und wird von mir regelmäßig besucht. Oft ruft er an, besonders wenn ihn seine Phantasien quälen, die schon früher auch zu Straftaten geführt hatten. Dies führt zu langen Gesprächen, die ihn aber offensichtlich erleichtern und ihm ermöglichen, seine Phantasien zu kontrollieren.
Er ist seit eineinhalb Jahrzehnten rückfallfrei. Nach den vielen Jahren der Begleitung, die schon länger anhält als bei jedem anderen meiner Klienten, ist mir Herr A. sehr wichtig geworden und ich werde von ihm als sein „Dad“ bezeichnet.
Sr. Janine Cogné
Ehemalige Mitarbeiterin der Sozialen Gerichtshilfe
Mit großer Dankbarkeit denke ich an die Begegnungen mit Menschen im Gefängnis und nach ihrer Entlassung zurück, denen ich im Lauf der mehr als 30 Jahre begegnet bin, da ich bei der Sozialen Gerichtshilfe mitarbeite. Die Treue und Feinfühligkeit ihrer Freundschaft berührt mich sehr.
Jetzt, wo ich in Linz lebe, kann ich einige von ihnen in zwei großen Gefängnissen (Stein, Garsten) besuchen. Die meisten kenne ich schon lange, aber ich habe auch einen wiedergefunden, Engelbert, den ich vor 30 Jahren als Kind kannte.
Für das Frauengefängnis in Schwarzau wohne ich jetzt zu weit, ich bleibe aber in Verbindung mit denen, die ich drinnen gekannt habe. Die meisten haben viel Mühe, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen, leiden unter Einsamkeit und dürsten nach herzlichen Beziehungen, umso mehr, als sie mit vielen über den Teil ihres Lebens, den sie in Haft verbracht haben, nicht reden können. So war es mit Tahere (Iran), die ich sieben Jahre lang alle zwei Wochen besucht habe. Nach ihrer Entlassung fand sie zwar eine Arbeitsstelle, wurde dort aber sehr schlecht behandelt und ausgenutzt. Mit Hilfe des Vereins Neustart, wofür ich sehr dankbar bin, war ihr der Aufbau einer neuen Existenz in Wels, wo auch ihr Sohn lebt, möglich.
Einmal ein Anruf aus Frankreich, von Liliane, die ich fünf Jahre lang in Wien und Schwarzau besucht habe. Sie ist schwer herzkrank und steht vor einer schwierigen Operation. Vorher wollte sie mit mir reden. Sie wohnt seit ihrer Entlassung in Toulouse, wo ich sie einmal besuchte. Die Wiedersehensfreude war groß. Glücklicherweise ist die Operation gut verlaufen.
Ein anderes Mal ein Anruf von der Kriminalpolizei: man hat Beate in ihrer Wohnung tot aufgefunden, und in der Wohnung fand man auch Briefe, die ich ihr geschrieben hatte; deshalb wurde ich verständigt. Fünf Jahre hatte ich sie im Gefängnis besucht und auch danach immer wieder. In einer tiefen Depression hatte sie bei mir angerufen, mich aber leider nicht erreicht. Da konnte sie nur mehr schreiben und sich dem Herrn anvertrauen. Sie konnte hier auf dieser Erde nicht mehr leben...
Dann Beatrice, die ich seit 20 Jahren kenne, mit ihrer belasteten Vergangenheit, mit Drogenabhängigkeit und Gefängnis. Erst mit 44 Jahren hat sie sich mutig, langsam und beharrlich daraus befreit und ein neues Leben anfangen können. Sie arbeitet als Sekretärin in einer großen Pfarre, wo sie geschätzt wird.
Es sind viele, die sich immer wieder melden, und denen diese freundschaftliche Beziehung, wie sie sagen, manchmal das Einzige ist, was ihnen in einem oft einsamen Leben Trost bringt…
Ein Satz der Gründerin unserer Gemeinschaft, der Kleinen Schwester Madeleine, drückt für mich aus, was ich fühle, wenn ich an alle Begegnungen mit Menschen im Gefängnis und nach ihrer Entlassung im Lauf der letzten Jahrzehnte denke:
„Habe ich nicht das Recht, diejenigen meine Freunde zu nennen, die ich auf dieser Erde so sehr liebe?
Prof. Mag. Oskar Dür
Mitarbeiter der Sozialen Gerichtshilfe
Ich wurde gebeten, etwas über meine Besuche bei Familien in Jordanien zu schreiben, deren Angehörige (Söhne) in unseren Gefängnissen waren…
Das hört sich so leicht an. Es ist aber ein Ergebnis meines freiwilligen Besuchsdienstes im Gefängnis..
Eine kurze Rückblende:
Nach meiner Pensionierung 1986 besuche ich verschiedene Sprachkurse: Türkisch, Griechisch, Ivrit (Hebräisch), Arabisch. 1987 suche ich Gesprächspartner für Arabisch und denke „die finde ich sicher im Gefängnis“ … „Bingo“ (Treffer) – so sagt man doch!
Mir wird ein Iraker zugeteilt, dann folgt ein Jordanier, dann wieder ein Jordanier … Sie sprechen alle schon gut deutsch, aber ich übe mit ihnen schreiben, lesen usw. auf arabisch natürlich.
1990 fand ich den Zeitpunkt für gekommen, dass ich in ein arabisches Land fahre – es war Syrien; weitere Kontakte dort im Land … ca. 1993 kommt mir der Gedanke zusammen mit den Gefangenen – ein Kontakt mit den Familien müsste doch möglich sein … Gespräche mit der Gefängnisverwaltung, mit dem Justizministerium sind positiv … Familienangehörige (Mutter und Cousin) kommen nach Österreich; ich besorge Quartiere, lerne den Islam aus nächster Nähe kennen … fahre 1995 das erste Mal nach Jordanien ins Jordantal (400m unter dem Meeresspiegel), besuche 1998 weitere Familien in Kerak (Kreuzritterstadt) und Amman.
Ein Glück, dass ich keine Berührungsängste mit „Fremden“ habe – weder hier noch dort … ich sehe die Menschen, hier im Gefängnis, dort in ihren Familien.
Sie fragen mich über meine Motive, Gefangene zu besuchen, besonders da ich Christ sei … meine einfache Antwort: ich schätze die menschlichen Begegnungen – hier im Gefängnis, dort in ihrer Heimat.
Stundenlang könnte ich erzählen über die vielen Begegnungen seither, nicht nur in Jordanien, auch in Tunesien oder in Ägypten … über alle Grenzen hinweg, über Religionsunterschiede hinweg … Kontakte mit Menschen unterhalten, die die Gesellschaft so gerne nicht wahrhaben möchte … ermöglicht durch die Soziale Gerichtshilfe, deren Mitglied ich sicher schon mehr als 20 Jahre bin.
DI Kurt Pollak
Mitarbeiter der Sozialen Gerichtshilfe
„Ich habe es noch nie so schön gehabt wie in der Schwarzau. Bei meinen Männern war ich auch immer eingesperrt, hier schlägt mich niemand und vergewaltigt werde ich auch nicht.“
Diese authentische Aussage einer Insassin der Justizanstalt Schwarzau, wo durchschnittlich 150 zu mehrjährigen Strafen verurteilte Frauen ihre Haft verbüßen, sagt viel zu den Umständen, unter welchen sie ihr Leben außerhalb der Gefängnismauern fristen. Viele Frauen in der Schwarzau haben selbst gar nichts angestellt. Es genügt, dass sie wissen, auf welch (kriminellem) Weg ihr Mann das Geld beschafft hat, das sie ausgeben, dass sie als Mittäterin gelten. Ihre Strafe ist dann nicht viel geringer als die Strafe des tatsächlich kriminellen Mannes.
Abhängigkeit von einem Mann ist ein großes Thema bei Frauen, die im Gefängnis landen. Sie werden geschlagen, missbraucht, erniedrigt und ausgenutzt. Warum sie ihre Männer nicht verlassen oder vor Gericht belasten, können vielleicht Psychologen erklären, ich kann es nicht. Nach ihrer Entlassung haben sie dann bald wieder „die falschen Männer“ und das Unglück beginnt von Neuem.
Manche befreien sich aus dieser Hölle und wählen dazu die falsche Handlungsoption: Sie bringen ihren Mann um oder lassen ihn umbringen. Und weil Frauen einem Mann im offenen Kampf normalerweise unterlegen sind, müssen sie ihn mit Gift, im Schlaf oder von hinten töten. Heimtückischer Mord wird dann umso stärker bestraft.
Dann gibt es im Gefängnis auch noch Frauen, die dort überhaupt nicht hingehören, sondern zurück in den Kindergarten, wenn das möglich wäre. Zwei Frauen streiten um eine Tablette einer Ersatzdroge und watschen sich dabei ab. Juristisch ist das Raub und ein Kindskopf geht ins Gefängnis.
Und dann gibt es im Gefängnis sicher auch noch viele „normale“ Kriminelle, aber die betreuen wir nicht. Wir Mitarbeiter der Sozialen Gerichtshilfe besuchen Insassen und Insassinnen, die von außen nicht besucht werden, und davon gibt es viel zu viele. Wir besuchen sie, helfen bei der Entlassung und betreuen sie auch nach der Entlassung noch, wenn sie es brauchen und wünschen. Dadurch kennen wir auch ihr gesellschaftliches Umfeld recht gut.
Anfangs habe ich nur Männer besucht. Mit einer Frau, die ich zufällig in der Justizanstalt Josefstadt besucht habe, bin ich dann in die Schwarzau gekommen, weil sie schließlich zu einer mehrjährigen Haft verurteilt wurde. Dort besteht ein sehr hoher Bedarf für eine Betreuung durch die Soziale Gerichtshilfe. Dadurch wurde die Schwarzau zu meiner „Hauptanstalt“ und ich wurde zum Spezialisten für weibliche Straftäterinnen.
„Frauen sind im Gefängnis ganz anders als Männer“ hat ein früherer Leiter der Justizanstalt Schwarzau einmal gesagt. Mit etwa 5% der Insassen sind sie eine kleine Minderheit, aber eine sehr spezielle Gruppe mit ganz anderen Ansprüchen als Männer in Haft. Zwei Drittel der von mir Betreuten sind Frauen, ein Drittel Männer. Ich kann den Unterschied bestätigen. Und ich kenne auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Justizanstalten. Ich besuche neben der Schwarzau auch Asten, Garsten, Graz-Karlau, Leoben und in Wien die Justizanstalten Josefstadt und Mittersteig. Bei Bedarf fahre ich nach Krems-Stein, nach Innsbruck und nach Klagenfurt. Ich bin viel unterwegs, mir wird nicht langweilig.
Es ist eine faszinierende, fremde Welt, die ich durch meine Tätigkeit bei der Sozialen Gerichtshilfe kennengelernt habe. Mir wird etwas abgehen, wenn ich einst alt werde und „meine“ Gefängnisse nicht mehr besuchen kann.
Dr. Angela Püspök
Mitarbeiterin der Sozialen Gerichtshilfe
Als ehemalige Lehrerin für lern- und verhaltensauffällige Kinder und Jugendsuchtberaterin habe ich immer wieder Schüler/innen sowohl bei Alkoholikern, Drogenkranken und Obdachlosen angetroffen. Schließlich führte mich ihr Weg auch ins Gefängnis.
Als Mitarbeiterin der Sozialen Gerichtshilfe besuche ich nahezu jede Woche Männer, die im Maßnahmenvollzug angehalten werden. Oft fragen mich Freunde, wie man mit "solchen Menschen" arbeiten könne. Meine Antwort ist stets die gleiche: Ich habe allen Grund etwas von dem Glück, das ich in meinem Leben erfahren habe, weiterzugeben. Und die Gespräche, die oft in die Tiefe gehen, motivieren mich zu weiteren Besuchen. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, sind die Begegnungen im Gefängnis für mich immer eine Bereicherung.
Um die Männer besser kennenzulernen, frage ich mich: "Was ist in ihrem Leben passiert, dass sie so geworden sind? Was hat man ihnen angetan?" Wenn sie Vertrauen zu mir gefasst haben, und aus ihrem Leben erzählen, wird mir bewusst, dass es oft der Mangel an Liebe sein muss, der eine innere Schwäche nach sich zieht. Es fehlt vielen die moralische Kraft, die ich Gewissen nennen möchte.
Durch die bereits erlebten Katastrophen ihres Lebens haben sie keine positiven Handlungsmuster gelernt. Viele haben kaum einen Schulabschluss, keine Berufsausbildung, keine Anbindung ans Elternhaus und somit keine soziale und wirtschaftliche Perspektive. Dafür Schuldgefühle und Schulden.
Bei manchen Gesprächen lachen wir miteinander und sind fast ausgelassen – dann sind diese "starken Männer" wieder den Tränen nahe. Ich erlebe sie nicht stark oder mutig - im Gegenteil, als sehr schwach und ihren Störungen und Launen hilflos ausgeliefert. Sie haben nicht die Kraft, sich von den Bildern der Brutalität und Unmoralität, die ihnen im Fernsehen und in der Realität begegnen, zu distanzieren. Meine Besuche und die Gespräche, so scheint es mir, sind oft ein Bullauge in eine Welt, die für sie noch nie existiert hat. Sie schütteln unglaubwürdig den Kopf, wenn ich ihnen sage, dass sie im Kern ihres Wesens gut sind, und dass dieser Kern auch nicht zerstört werden kann. Indem wir sie regelmäßig besuchen, bringen wir Zuversicht zum Ausdruck, dass sie das Böse, mit Hilfe der Therapien verwandeln können. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass es für sie unheimlich schwer sein wird, jemals ein "normales" Leben zu führen. Zu groß sind die Verletzungen, die Haftschädigung, die Perspektivenlosigkeit und die persönlichen und sozialen Blockaden.
Trotzdem freuen wir uns mit jedem Klienten wenn Haftlockerungen anstehen und begleiten sie bei Freigängen. Wir machen ihnen Mut, wenn der Übergang ins Arbeitsleben steinig wird und besprechen mit ihnen die Lücken des Alltags, die durch die Haft entstanden sind.
Wir, von der Sozialen Gerichtshilfe, lassen uns von Schicksalen betreffen, begegnen den Klienten würdevoll auf Augenhöhe, zeigen ehrliches Mitgefühl - und bleiben doch in einer gesunden Distanz. Dabei helfen die monatlichen Supervisionen ebenso wie die Reflexionen mit der begleitenden Freundin. Besonderen Halt erfahre ich durch meinen Partner, der sich ebenfalls in der sozialen Gerichtshilfe einbringt, durch unsere Großfamilie und durch meinen Glauben.
